Vortrag „Ideenbrunn“

 (7. Juli 2011 / Treffen der Niederbayern-Botschafter im Angerhof, St. Englmar)

 

 

Sehr geehrte Herren Präsidenten, liebe Botschafter-Kollegen!

 

Eine Delegationsreise mit dem Bayrischen Wirtschaftsminister führte vor einigen Monaten in die Emirate nach Abu Dhabi und Katar. Ich habe daran teilgenommen.

 

Man trifft sich zunächst am Flughafen in München. Dort stellte ich Herrn Minister Zeil die Frage: „Darf ich überhaupt mit kommen?“ Er darauf: „Warum fragen Sie?“ Meine Antwort: „Nun, ich komme aus Passau, und wir sollen doch nach Oberösterreich abgeschoben werden?“

 

Er dementierte das vehement und forderte mich auf, weiter für Niederbayern zu werben. Ich vermute, man möchte in München auch ungern auf unsere Steuern verzichten.

 

In den Emiraten, die durch Öl und Gas zu beträchtlichem Wohlstand gelangt sind, hat man uns sehr freundlich empfangen.
Es wurde mehrfach betont, dass man mit Deutschland und insbesondere mit Bayern noch intensiver zusammen arbeiten möchte.

 

Dabei kann man dort schon jetzt die Präferenz für hiesige Produkte erkennen. Nur einige Beispiele: Die Scheichs fahren fast ausschließlich bayrische Luxus-Gefährte, mit Allrad und wüstentauglich ausgestattet. Linde, Siemens und andere Großunternehmen sind vor Ort und mit den Geschäften sehr zufrieden.

 

Der Chefplaner in Abu Dhabi ist der deutsche Architekt ...
Er stellte uns die Pläne für die Stadterweiterung vor. Es ist beabsichtigt, die neue Abu Dhabi City für 1 Million Einwohner radikal nachhaltig und ökologisch zu bauen.

 

Dazu hat man eine eigene Norm erarbeitet, die noch beträchtlich über den in Europa und USA gängigen Standart .... hinausgeht.

 

In dieser neuen Norm ist zum Beispiel festgelegt, dass alle Gebäude thermisch zu isolieren sind (was bislang kaum der Fall ist und hohen Energieaufwand für Kühlung verursacht). Die Materialien für diese Isolierung dürfen jedoch nicht auf Öl basieren. Darauf werde ich später noch zurückkommen.

 

Die neue ökologische Abu Dhabi City mit vielen Attraktionen soll nach der Planung auch von Europäern und Amerikanern bewohnt werden, die ihren Ruhestand dort verbringen.

 

Was mich persönlich am meisten interessiert und beeindruckt hat, ist das Projekt Masdar City. Die autarke Öko-Stadt soll einmal 50.000 bis 80.000 Einwohner haben; sie wird abgasfrei und umweltneutral sein und sie wird die gesamte benötigte Energie vor Ort produzieren. Abwasser und Müll sollen vollständig verwertet werden.
Es gilt das Prinzip: Null Emission.
Kritiker meinen zwar, das CO2-Problem wird durch Masdar City nicht verringert, da man die dort eingesparten Mengen über Zertifikate anderweitig freisetzen wird. Nach dem Vorbild alter arabischer Städte können die künftigen Bewohner in engen abgeschatteten Gassen zu Fuß die Nahversorgung erreichen.

 

Es wird keine Hochhäuser geben, nur in etwa gleich hohe Baukörper, nach Entwürfen des Stararchitekten Norman Foster.
Für den Nahverkehr stehen Elektrobusse und ein unterirdisches führerloses Kabinensystem zur Verfügung.
Es ist durchaus sehenswert, was davon bereits jetzt realisiert ist. Deshalb geben sich die Delegationen aus der ganzen Welt schon die Klinke in die Hand. Wir kamen kurz nach Hillary Clinton und das Ministerium hatte Mühe, überhaupt einen Besichtigungstermin für Masdar City zu bekommen.

 

Eine 10 Megawatt-Photovoltaik-Anlage steht bereits, 100 Megawatt sind in Planung. Daneben gibt es ein großes Experimentierfeld zum Testen aller Wandlungsprinzipien der Solarenergie.

 

Unter anderem sind Parabol-Rinnen-Receiver von Schott aus Bayern in einer CSP (Concentratet Solar Power)-Anlage aufgebaut. Im evakuierten Receiver werden 420 °C gemessen.

 

Für das unterirdische führerlose Kabinensystems existiert eine Teststrecke.

 

Imposante Gebäude mit recht ungewöhnlichen architektonischen Merkmalen beherbergen das Masdar City Institut und University.

 

Mit dem Partner und Vorbild MIT (Massachusetts Institut of Technologie) bietet man Master-Programme in einschlägigen Ingenieurwissenschaften an zu erstaunlichen Bedingungen. Etwa 160 Studenten aus aller Welt (leider momentan erst einer aus Bayern), vorwiegend mit Bachelor-Abschluss werden von 45 Professoren zum Master begleitet.
Die Arbeitsbedingungen sind hervorragend. Labors sind mit modernster Technik bestückt.

 

Es ist die erste Universität weltweit, die sich ausschließlich mit dem Thema „Ökologische Nachhaltigkeit“ beschäftigt.
Die Studenten wohnen kostenfrei in hübschen Appartements auf dem Gelände und erhalten ca. 1000 Dollar Stipendium pro Monat.

 

Auf einem Platz zwischen den Studentenwohnungen gibt es Straßencafes mit Freiluft-Kühlung: Ein Kühlturm, der ohne Fremdenergie funktioniert, nur durch Höhen-Druckdifferenz und Venturi-Prinzip, erzeugt die frische Brise.

 

Bei der Betrachtung dieses Kühlturmes habe ich mir überlegt, dass Masdar City momentan wohl einer der wenigen, wenn nicht der einzige Platz auf der Welt ist, an dem kreative Querdenker die nötige Unterstützung auf ihrer Spielwiese bekommen.

 

Alles das kostet natürlich viel Geld. Bis zum Endausbau der Stadt in der Wüste werden es wohl viele Milliarden sein.

 

Es stellt sich die Frage: Warum tun die Scheichs sich das an?
Sind sie tatsächlich vom Saulus zum Paulus mutiert, also plötzlich ökologisch denkende Vorreiter geworden?

 

Mein Eindruck ist ein anderer:
Die führenden Leute in den Emiraten rechnen fest damit, dass die erneuerbaren Energien in absehbarer Zeit fossile Energieträger ablösen werden. Deshalb nutzen sie die Möglichkeit, mit ihrem Kapital bei allen neuen Techniken von Anfang an dabei zu sein.

 

„Masdar Power“ beteiligt sich schon jetzt weltweit an verfügbaren regenerativen Energie-Techniken, wie beispielsweise großen Windparks in England.

 

Mit Masdar City wird eine Relais-Station mit enormer Anziehungskraft und Werbe-Wirkung geschaffen, von der aus die Entwicklungs-Trends beobachtet werden können. Auch der Hauptsitz der IRENA-Agentur wird ja bekanntlich in Masdar City sein.

 

Gerade nach der Energie-Wende hat man aber auch hierzulande ein sehr großes Potential in den erneuerbaren Energien entdeckt.

 

Wie sind die Chancen? Vom verfügbaren Kapital aus betrachtet werden die Emirate durchaus zu vergleichbaren Rivalen.

 

Was spricht für Deutschland?

  1. Die hervorragende technologische Basis 
  2. Die tatsächlich ökologischere Denkweise der Bevölkerungsmehrheit 
  3. Eine solide finanzielle Basis gerade für dezentrale Versorgung unter Einbeziehung von privaten Investoren 
  4. Die Begeisterungsfähigkeit unserer jungen Leute.

Ab hier in Dokument Firma einsetzen

 

Wir sollten die große Herausforderung der Energiewende zum Anlass nehmen, eine mächtige Aufbruchsstimmung loszutreten.

Haben wir im Prinzip seit Jahrzehnten hauptsächlich unseren hohen Standart verwaltet, so muss jetzt endlich wieder mal ein Ruck durchs Land gehen.

Mit der Zielsetzung der Nachhaltigkeit in Energieversorgung und Infrastruktur motivieren wir unsere jungen Leute zu epochalen Heldentaten.

 

Gerade hier in Niederbayern haben wir gute Chancen, Vorreiter zu werden. Überlassen wir das Feld nicht den Scheichs.

 

Unterstützen Sie bitte deshalb meinen Vorschlag, bei uns im kühlen Bayrischen Wald den Gegenpol zu Masdar City zu gründen:

 

Das ökologische Musterdorf „Ideenbrunn“!

 

Alle einschlägigen Unternehmen und öffentlichen Institutionen im Bezirk sind eingeladen, neue und bereits bewährte Technologien und Konzepte der Nachhaltigkeit dort zu präsentieren.

 

Einige Beispiele:

  • Mini-Blockheizkraftwerke für den Hausgebrauch (wie man sie in Ruhstorf gerade konzipiert),
  • Energie-Sparhäuser für raues Klima,
  • Ziegel mit Wärmedämm-Füllung,
  • Windrad zur Stromerzeugung,
  • smart grid Einspartechniken
  • Müllvermeidungsprogramm,
  • verbesserte Kläranlagentechnik (FH Deggendorf)
  • Ersatz von ölbasierten Materialien.

 

In diesem Zusammenhang darf ich Ihnen auch zwei Konzepte aus der eigenen Querdenker-Schmiede vorstellen, die gut nach „Ideenbrunn“ passen könnten:

 

Im Projekt „AlgeTerra“ entsteht aus Abwasser und aus dem noch nicht ganz vermeidbarem Abgas unter Sonneneinwirkung wertvolles Natur-basiertes Isoliermaterial. Zur Zeit stehen Versuchs-Zuchtbecken in Weihenstephan und es gibt bereits dort gezüchtete Fadenalgen, die im getrockneten Zustand den Isolierstoff darstellen. Möglicherweise eigenen sich diese Fadenalgen auch als Grundstoff für Carbonfasern, die nach wie vor auf Öl basieren.

 

In den Startlöchern steht mein Projekt mit dem Arbeitstitel „rotasolarbox“. Sie kennen alle das uralte Prinzip des Kreisels, mit dem man bei großen Ozeandampfern die Schlingerbewegung ausgleichen kann. Ein kompakter Schwungradspeicher mit neuester Werkstoff-, Vakuum- und Magnetlagertechnologie ist das Ziel dieses Projektes. Der Werkstoff-Spezialist Prof. Huber von der FH Landshut hat in einer Überschlagsrechnung eine derartige Speicherbox in Kühlschrank-Größe betrachtet und bereits bei 20.000 Touren eine Speicherkapazität von ca. 50 Kilowatt-Stunden abgeschätzt.

 

Wenn also viele Solardachbesitzer zukünftig autark und weitgehend unabhängig vom Strompreis werden wollen,könnte die „rotasolarbox“ die Lösung sein.

Durch dezentrale Speicherung im Keller der Privathäuser wird auch weniger Netzausbau erforderlich.

 

Die innovationsfreudigen Firmen und Hochschulen Niederbayerns werden sicher in den nächsten Jahren viele Neuerungen zur Ressourcen-Schonung vorstellen.

 

Ein Leitgedanke für „Ideenbrunn“

 

Ressourcen-Schonung durch einen Mix aus bewährten und neuen Techniken und Methoden Erfinden macht das Leben reizvoll

 

Leisten wir uns den Mut zur Vision!